LU-Web Interview: Werden Lieferzeiten von 6 Monaten Standard?
Peter-Josef Paffen, AGCO Vice President macht keinen Hehl daraus, dass aktuell unter einem halben Jahr mit Neuschleppern nicht zu rechen sei. Wir haben mit ihn über dieses Phänomen bei Angebot und Nachfrage gesprochen.
LU: Müssen sich Lohnunternehmer auf 6 Monate Lieferzeit für neue Fendttraktoren einstellen? Peter-Josef Paffen: So wie es zur Zeit aussieht, müssen sich Traktor Kunden auf diese Lieferzeiten einstellen. Grund dafür ist die starke Nachfrage, die sich aus dem letzten Jahr ungebrochen fortgesetzt hat. Meine Prognose ist, dass wir bis Ende des Jahres die Aufträge nicht im erwünschten Umfang abarbeiten können. Das heißt wir werden – auch durch den Effekt der Agritechnica – einen hohen Auftragsbestand in das Jahr 2008 nehmen.
LU: Was können Sie tun? Paffen: Wir werden alles daran setzen, unsere Kapazitäten und die Kapazitäten der Zulieferer zu erhöhen. Aber aufgrund der insgesamt stark boomenden Nachfrage im Maschinenbau und bei den automotiven Zulieferern wird das nicht einfach und trifft letztlich die ganze Landtechnik-Branche. Dabei geht es nicht nur um Motoren, sondern auch um Hydraulikkomponenten, Reifen usw.
Woran liegt´s?
LU: Mit welchen Produktionszahlen rechnen Sie daher in Marktoberdorf bei Fendt in 2007? Paffen: Für Marktoberdorf haben wir Mitte letzen Jahres rund 12400 Einheiten für 2007 geplant. Aus heutiger Sicht eine vorsichtige Planung, sie hatte aber ihre Ursache auch wegen der Mehrwertsteuererhöhung zum Jahreswechsel. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich der Inlands- und Exportmarkt weiter auf solch hohem Niveau auch 2007 halten wird. Hinzu kommt, dass unsere neu vorgestellten Produkte eine ausgezeichnete Resonanz beim Landwirt und Lohnunternehmer ausgelöst haben. Wir haben also diese erste Planzahl für 2007 von 12400 Einheiten auf 13700 Einheiten erhöht. Aber wegen der Lieferengpässe der Zulieferer werden wir diese Zahl wohl nicht erreichen. Realistisch werden wir in diesem Jahr in Marktoberdorf 13400 Fendt Traktoren produzieren.
LU: Sehen Sie dies als Gefahr für rückläufige Zulassungszahlen und Marktanteile bei Fendt? Paffen: Wir haben bei Fendt derzeit einen starken Nachholbedarf, weil wir einen Teil der bestellte Traktoren aufgrund der fehlenden Komponenten nicht ausliefern konnten. Der Markt spiegelt also im Moment nicht das realistische Bild wider. Das wird sich im Laufe des Jahres ändern. Die Gesamtstückzahl der zugelassenen Traktoren in Deutschland sehe ich für 2007 auf dem Niveau von 2006. Aber die Lieferverzögerungen im Traktorenmarkt wird die ganze Branche auch im kommenden Jahr noch beschäftigen.
Wie wartenden Kunden helfen?
LU: Was kann AGCO kurzfristig tun, um Kunden und Vertriebspartner zufrieden zustellen? Paffen: Wir müssen offen mit dieser Lage umgehen gegenüber unseren Vertriebspartnern und gegenüber unseren Kunden. Wir können angesichts dieser Situation nicht Lieferzeiten versprechen, die nicht zu halten sind. Das schafft nur unzufriedene Kunden. Natürlich werden wir zusammen mit unseren Vertriebspartnern versuchen, so weit es geht, Härtefälle mit Vorführmaschinen zu versorgen, bis die neue Maschine geliefert werden kann. Wir überlegen auch ganz neue unkonventionelle Maßnahmen. Damit meine ich, dass wir zugesagte Produktionsvolumen komplett aus diesem Jahr in das erste Quartal des kommenden Jahr verschieben. Der Kunde, der auf seine Maschine wartet, bekommt von uns ein Angebot, wie diese Zeit überbrückt werden kann.
LU: Rechnen Sie zu dem Problem langer Lieferzeiten auch mit steigenden Preisen Ihrer Zulieferer aufgrund der starken Nachfrage? Paffen: Der Kostendruck ist in der Tat gegenüber den zurückliegenden Jahren in vielen Bereichen deutlich höher. Deshalb haben wir die Maßnahmen zur Kostensenkung, Rationalisierung und Volumensteigerung weiter deutlich verstärkt. Aber: Mit all diesen Initiativen werden wir die Kostensteigerung wohl nicht ausgleichen können.
AGCO Vice President Peter-Josef Paffen
LU: Welche Konsequenzen hat dies für Ihre Planung 2008? Paffen: Wir werden uns dazu verpflichten lassen müssen, größere Volumen bei unseren Zuliefern zu ordern, damit auch bei denen höhere Kapazitäten geschaffen werden können. Und da wir in 2008 noch Bestellungen aus 2007 abarbeiten müssen, rechne ich mit einer deutlichen Erhöhung der Produktionsplanung für 2008.
LU: Der Standort Marktoberdorf kann das leisten? Paffen: Ja, mit einer entsprechenden Vorlaufzeit kann Marktoberdorf das leisten. Obwohl es nicht einfach sein wird, den erhöhten Personalbedarf im Raum Marktoberdorf kurzfristig zu decken.
LU: Betrifft dieses Phänomen alle Ihre Marken? Paffen: Dieses Phänomen beeinflusst alle Traktorenmarken. Ich vermute sogar, dass es mit einer gewissen Zeitverzögerung die ganze Landtechnikindustrie treffen wird. Denn sowohl die Tariferhöhung wie auch die Preiserhöhung von Zulieferteilen gelten für viele Hersteller gleichermaßen.